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23.02.2023, Autor: André Will-Laudien

Aktien-News: BASF - Gaskrise, welche Gaskrise? — Das Comeback des Chemieriesen

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Eine wichtige Komponente des weltweiten Bestrebens zu mehr Klimaschutz besteht in der sauberen Energieerzeugung und Speicherung. Für die effiziente Verwendung von Strom braucht es leistungsfähige Speichersysteme, die eine tageszeitunabhängige Nutzung der Energie zulassen. Die Chemiebranche arbeitet seit Jahrzehnten an Verfahren, die eine effizientere Ausbeute unserer Ressourcen ermöglichen. Für den Chemieriesen BASF aus Ludwigsburg ist der Standort Deutschland aufgrund seiner hohen Kostenstruktur kein einfaches Terrain für innovative Forschung und Entwicklung. Ein Update aus Ludwigshafen.


Lesezeit: 8 Minuten

Der Standort Deutschland macht BASF Sorgen

Noch ist der Gründungsstandort das Herzstück von BASF, mittelfristig ist aber klar, wohin die Reise geht. Denn aus heutiger Sicht liegen die Inputkosten für energieintensive Produktion in Asien oder Nordamerika deutlich unter Europa, hinzu kommt eine perspektivisch wenig attraktive Energie- und Industriepolitik aus Brüssel. Daher denkt BASF über neue Standorte nach, um konzernweit eine umfangreiche Kostenreduzierung erreichen. Mit mehr als der Hälfte der geplanten Einsparungen ist auch die Zentrale in Ludwigshafen betroffen. Keine gute Nachricht für Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Vergleich, denn hier arbeiten immerhin 39.000 der insgesamt 111.000 Mitarbeiter weltweit. Da aber Innovation und Forschung die Treiber für das künftige Geschäft darstellen, kommt BASF um einen großen Forschungsbereich nicht herum.

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Produktionsstandorte weltweit, davon 6 Verbundstandorte.

Die Krux an der Thematik: Die Investitionen werden künftig wohl im Ausland stattfinden. Gerade hatte das Management einen neuen Standort für rund 10 Mrd. EUR in China freigezeichnet. Ein Schlag ins Gesicht für die deutsche Industriepolitik und ein mittelfristiger Verlust wertvoller Arbeitsplätze. Wegen der schwierigen Rahmenbedingungen in Europa legte die BASF-Führung zusätzlich ein Sparprogramm auf, das in 2023 bis 2024 umgesetzt werden soll. Die Kürzungen sollen die jährlichen Kosten außerhalb der Produktion um gewaltige 500 Mio. EUR senken, dabei schließt das Unternehmen Stellenstreichungen nicht aus.

Bei Batteriematerialien einer der Weltmarktführer

Der Ludwigshafener Chemiekonzern ist einer der größten Lieferanten von Ausgangsmaterialen für die GreenTech-Branche. Hier werden Substanzen mit hohem Energieaufwand erzeugt und gemischt, wichtige chemische Vorprodukte für die Hightech-Hersteller im alternativen Energie- und E-Mobilitätsbereich. Ende 2022 hat BASF einen wichtigen Kunden hinzugewonnen und wird strategischer Lieferant von Kathodenmaterialien für E-Auto-Batteriezellen von Prime Planet Energy & Solutions (PPES), dem Batterie-Joint-Venture von Toyota und Panasonic. Die Bereitstellung der Materialien erfolgt über das mehrheitlich von BASF gehaltene Joint-Venture BASF Toda Battery Materials (BTBM), es handelt sich um ein neu entwickeltes Produkt aus dem Portfolio für leistungsstarke Kathodenmaterialien. Die BASF-Rezeptur bleibt aber noch geheim, denn weltweit ist ein Wettrennen um die leistungsstärkste Batterie für die E-Mobilität ausgebrochen, um größere Käuferschichten zu einem Erwerb eines E-Fahrzeugs zu bewegen.

Beim geplanten Batterierecycling von BASF am Standort Schwarzheide in Brandenburg soll ein neuartiges hydrometallurgisches Verfahren des israelischen Unternehmens Tenova Advanced Technologies (TAT) zum Einsatz kommen. Die Planungen sehen vor, dass noch in diesem Jahr eine Prototypanlage zur Rückgewinnung von Lithium nach diesem Verfahren in Betrieb genommen wird, wie es in einer gemeinsamen Mitteilung der beiden Unternehmen heißt. Gemeinsam möchten beide Unternehmen das hydrometallurgische Recyclingverfahren optimieren und dafür das neuartige Verfahren von TAT zur Rückgewinnung von Lithium nutzen, das die Lithium-Lösungsmittel-Extraktion (LiSX™) und die Lithium-Elektrolyse (LiEL™) umfasst. Grundlage ist die Überzeugung, dass mit einer stark wachsenden Zahl von Elektroautos die Batteriematerialien knapp und teuer werden.

„Die Herstellung von Batteriematerialien aus recycelten Metallen kann die CO2-Emissionen von Batterien im Vergleich zur Verwendung von Neumetallen um etwa 25 Prozent reduzieren“, sagt Daniel Schönfelder, Leiter Battery Base Metals and Recycling bei BASF. “Wir werden den Kreislauf von Altbatterien bis zur Produktion neuer Batterien schließen und den wachsenden Bedarf an Schlüsselmetallen für die Elektromobilität mit einer außergewöhnlich niedrigen CO2-Bilanz decken. Durch die Zusammenarbeit mit Tenova können wir neue Ansätze zur Optimierung des Recyclingprozesses prüfen.“

Catalysts

„Der Unternehmensbereich Catalysts von BASF ist der weltweit führende Anbieter von Umwelt- und Prozesskatalysatoren."

Die erfolgreiche Inbetriebnahme und der Betrieb der Prototypanlage sind für BASF ein wichtiger Meilenstein, das Batterierecycling und die Rückgewinnung von wertvollen Metallen wie Nickel, Kobalt und Lithium auszubauen. Mit der Investition in Schwarzheide unterstützt BASF eine europäische Wertschöpfungskette für die Batterieproduktion und ist Teil des „Important Project of Common European Interest (IPCEI)“, das von der Europäischen Kommission im Dezember 2019 nach den Beihilfevorschriften der Europäischen Union genehmigt wurde.

Hohe Abschreibungen auf Wintershall DEA

Die BASF-Tochter Wintershall DEA zieht sich aus Russland zurück und brockt ihrem Mutterkonzern für 2022 einen Milliardenverlust ein. Unter dem Strich blieb bei BASF ein Fehlbetrag von rund 1,4 Mrd. EUR, Hauptursache waren Abschreibungen auf Wintershall DEA in Höhe von 7,3 Mrd. EUR. Die Tochter beklagt eine faktische Enteignung ihrer dortigen Beteiligungen in Russland. Sie plant den einen vollständigen Rückzug aus dem Land unter Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen. "Eine Fortführung unseres Geschäftes in Russland ist nicht tragbar", sagt Mario Mehren, Chef von Wintershall DEA.

Hohe Abschreibungen auf die Tochter Wintershall DEA wegen Aufgabe des Russland-Geschäfts wurden nötig. Quelle: Pixabay.com

Der Ukraine-Krieg hat die Zusammenarbeit zwischen Russland und Europa komplett zerstört. Außerdem hat die russische Regierung die Tätigkeit westlicher Unternehmen in dem Land eingeschränkt. "Die Joint Ventures wurden de facto wirtschaftlich enteignet", sagte Mehren. Wintershall DEA verwies dabei auf russische Regelungen von Ende Dezember. Dort reduzierte das Wirtschaftsministerium rückwirkend die Preise, zu denen die Gemeinschaftsunternehmen ihre produzierten Kohlenwasserstoffe an den russischen Konzern Gazprom verkaufen können. Wintershall DEA plant einen vollständigen geordneten Rückzug aus Russland unter Einhaltung aller anwendbaren gesetzlichen Bestimmungen. Entsprechend wurden die dortigen Beteiligungen von Wintershall DEA neu bewertet sowie Wertberichtigungen auf das europäische Gastransport-Geschäft der Gesellschaft vorgenommen, einschließlich einer vollständigen Wertberichtigung der Beteiligung an Nord Stream AG. Künftig wird Wintershall DEA die Kennzahlen seiner russischen Gemeinschaftsunternehmen nicht mehr in den Konzernabschlüssen ausweisen.

Die vorläufigen Zahlen für das Gesamtjahr 2022

BASF legte Anfang Februar vorläufige Zahlen für das Gesamtjahr 2022 vor. Bei Umsatz und Ergebnis der Betriebstätigkeit (EBIT) vor Sondereinflüssen liegt der Konzern mit voraussichtlich 87,3 Mrd. EUR und 6,87 Mrd. EUR in den zuvor prognostizierten Bandbreiten sowie auf dem Niveau der durchschnittlichen Analystenschätzungen für 2022.

BASF hat eine gute Abdeckung - daher liegen die Ergebnisse oft innerhalb der von den Analysten erwarteten Spannen. Quelle: Vara Research, BASF.com, Stand: 07.02.2023

Das EBIT der BASF-Gruppe lag 2022 mit voraussichtlich 6,5 Mrd. EUR unter dem Wert des Vorjahres und unter dem Analystenkonsens für 2022 (Vara: 6,8 Mrd. EUR). Darin enthalten sind nicht-zahlungswirksame Wertberichtigungen auf eine Anlage im Segment Chemicals. Das Ergebnis nach Steuern beträgt voraussichtlich –1,37 Mrd. EUR nach 5,52 Mrd. EUR gewinn im Vorjahr. Die Verluste resultieren insbesondere aus der Entkonsolidierung der russischen Explorations- und Produktionsaktivitäten von Wintershall DEA aufgrund des weitgehenden Entfalls tatsächlicher Einflussmöglichkeiten und wirtschaftlicher Enteignung.

TERMIN: Den vollständigen Bericht für das Jahr 2022 wird das Unternehmen am Freitag, 24. Februar 2023, um 07:00 Uhr veröffentlichen und im Rahmen einer virtuellen Konferenz für Analysten, Journalisten und Investoren erläutern.

Ausblick: Leichter Umsatzrückgang im fragilen Umfeld

Die von Refinitiv Eikon befragten Analysten erwarten im Geschäftsjahr 2023 einen Rückgang der Erlöse um ca. 5%, d.h. die Skepsis gegenüber den aktuellen Wachstumschancen sind unvermindert hoch. Wegen des permanenten Kostendrucks und der schwierigen Überwälzung sehen die Experten sogar eine sinkende EBIT-Marge. Sollte die Konjunktur aufgrund der hohen Energie- und Beschaffungspreise einen Dip erleben, dürfte es auch bei BASF zu stärkeren Revisionen in den Jahren 2023 bis 2025 kommen. Der Aufbau neuer Produktionskapazitäten in China und die Teilschließungen am Standort Ludwigshafen werden die Kostenseite erstmal belasten. Fundamental zeigen die Zahlen aber auch, dass die Bewertung derzeit im Bereich des Buchwerts liegt. Versöhnlich stimmt allerdings die zu erwartende Dividendenrendite, die sich aktuell zu mehr als 6% berechnet, die aber natürlich unter dem Vorbehalt der Kontinuität bzw. Gewinnsteigerung steht.

Zwischenfazit: Erste Lichtblicke erkennbar

Mit Beginn der Ukraine-Krise im Februar 2022 preiste die Börse das Energie-Risiko sehr stark in den Kurs ein. Die Umsätze in der Aktie erreichten fast historische Dimensionen, was auf einen Ausverkauf bei Fonds und institutionellen Investoren hinweist. Ob hiermit schon eine Unter-Investition vorliegt, sollten die nächsten Monate zeigen. Analysten bewerten derzeit aber verschiedene Seiten der chemischen Industrie. Denn zum einen haben sich zwar die Inputpreise auf der Rohstoffseite drastisch erhöht. Wegen der außerordentlichen Marktstellung bei chemischen Grundstoffen für die weiterverarbeitende Industrie hat BASF seine gestiegenen Kosten aber weitestgehend überwälzen können.

Die BASF-Aktie im 2-Jahres-Vergleich zur Peergroup. Quelle: Refinitiv Eikon, Stand: 22.02.2023

Der zweijährige Kursverlauf der BASF-Aktie im Vergleich zu seiner Sektor-Peergroup zeigt insbesondere gegenüber Air Liquide und DuPont große Rückstände. Als Begründung lassen sich natürlich die Sonderbelastungen in Russland anführen. Sollte die Konjunktur anders als von vielen Ökonomen in 2023 tatsächlich nach oben drehen, wären bei BASF die Segel gesetzt. Der Barclays-Experte Alex Stewart empfiehlt die Papiere der Ludwigshafener mit einem Kursziel von 68 EUR, hat seine Einstufung aber bei "Equalweight" belassen. Es gibt erste Erholungssignale für die Branche, weshalb er auf Zwölfmonatssicht insgesamt positiv eingestellt ist. Anders als in den vergangenen drei Aufwärtszyklen sollten Anleger sich mittelfristig aber auf das Risiko einer Stagflation der Wirtschaft einstellen, so der Analyst.

Analysten der Plattform Refinitiv Eikon errechnen derzeit ein durchschnittliches Kursziel von ca. 55,73 EUR auf Sicht von 12 Monaten. Quelle: Refinitiv Eikon, Stand: 22.02.2023

Die BASF-Aktie musste in 2022 rund 24% abgeben, hat es aber nun geschafft, die 50 EUR-Marke zurückzuerobern. Fundamental handelt der Wert mit einem 2023er KGV von 11,2 und bietet darüber hinaus über 6% Rendite. Weiterhin notiert der DAX-Titel nahe seines Buchwerts und bildet insgesamt nur 60% der prognostizierten Umsätze im Kurs ab. Die internationale Diversifikation führt mittelfristig zu anderen Kostenrelationen und stärkt das Geschäft in Asien. Langfristig orientierte Anleger sollten den Wert auf der engen Watchlist belassen und mit rückkehrender Dynamik in der Welt-Konjunktur eine erneute Bewertung vornehmen.

Das Update folgt auf den initialen Report 07/2022.


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